aktuelle Medienkunst – ein Begriff und seine Redefinition

Die internationale Medienkunst-Kolumne von Duncan White #2

Duncan White ist eine internationale Autorität in Sachen Medienkunst und Forschungsbeauftragter am Central St. Martins College of Art and Design an der University of the Arts in London. Sein Hauptgebiet ist die Expansion und das Überborden von Medienkunst (mit besonderem Schwerpunkt Kino als Live-Film) in die Gesellschaft und ihre zukünftige Entwicklung. Seine Forschungsarbeit beinhaltet die „Überschneidung von Experimentalfilm und Theorien über Orte, Raum und Rezeption“. Duncan White schreibt jeden zweiten Monat eine Kolumne für 2010LAB.tv.

Ich bin von den aktuellen Versuchen, die komplexen und subtilen Themenkreise Community, Publikum und Ökonomie in britischen Kunstausstellungen zu behandeln, beeindruckt.

Diese Konzepte sind der Dreh- und Angelpunkt bei Medien und der Vermittlung in Kunstkreisen, werden aber oft beschönigt, wenn es um  Kunstwerke geht, die sich alternativer Medienformen bedienen.

Crowd Theory
 


Die erste dieser Ausstellungen war The Balfron Project: Simon Terrill. Terrill kreiert fotografische Performance-Events als Teil einer Serie von Arbeiten, die er Crowd Theory nennt – lange belichtete Portraits von Orten wie Bahnhöfen, Häfen, Sportplätzen und den Menschen, die in ihnen und um sie herum arbeiten und leben.

 Sein aktuellstes "lebendes Porträt" wurde in der Nunnery ausgestellt, der Ausstellungsfläche des Bow Arts Trust in London. 

Das Resultat ist ein großformatiger (1,8 x 2,4 m) Druck, Typ C. Doch das Foto ist nur ein Teil des Werks. Terrill lebte – vom Trust als Künstler vor Ort gesponsert – den November über in einer Wohnung im 21. Stockwerk und verbrachte den Monat  damit, ein Projekt zu entwickeln, das die Bewohner von Balfron Tower in einem Community-Portrait mit einschließen würde. 

Chantel Faust schreibt in ihrem Begleitessay zur Ausstellung: Terrill "hatte immer Schwierigkeiten mit dem Begriff community, den er als künstlichen Versuch, Zusammenhalt und Zugehörigkeit herzustellen, ansieht."

Ich verstehe, warum er damit Schwierigkeiten hat: Nur weil man in ein Gebäude einzieht, ist man nicht Teil einer Gemeinschaft. 

Nichtsdestotrotz, "es war die Idee der Gemeinschaft, die die Arbeit definierte". Und diese Idee wurde am Abend der Eröffnungsausstellung lebendig, als sich nämlich besagte Bewohner und das am Projekt beteiligte Arbeitsteam – die ja alle tatsächlich das Projekt sind – mit dem Kunstpublikum vermischten und so eine klare Verbindung zu einem medialen Prozess ausdrückten, der auch jenseits der Galerieräumlichkeiten existierte.

Die Atmosphäre war entschieden kollektiv, ein organisches Identitätssystem, das durch den Prozess des Kunstschaffens erzeugt wurde. Vielleicht der Beweis dafür, wie Leben und Orte funktionieren, und dass ihre Darstellungen nur eine Ansammlung von Dokumenten und nicht Gebrauchsgegenständen ist.
 

Kunst – gratis
 

Ähnlich anti-gebrauchsgegenständlich war die jährliche "Ausstellung" von Jeffrey Charles Henry Peacock (JCHP), der permanenten Kollaborationspraxis von Dave Smith and Thom Winterburn, am 20. Januar im All Hallows on the Wall, nahe dem Londoner Finanzviertel.

Medien und (deren) Vermittlung als kollektive – ja, sogar gemeinschaftliche – Bedingung definieren die "Arbeit" von JCHP.
 

Bei der All Hallows-Ausstellung wurden 24 gerahmte Zeichnungen gratis verteilt. Das alternative wirtschaftliche Handeln des Verschenkens ihrer Arbeit an diejenigen, die bereit waren, sie anzunehmen, verlangte nach einer Klärung der Natur von "Publikum" und "community als Kunst(werk)".

Obwohl eindeutig inszeniert, wirkte der Prozess dennoch seltsam direkt – beinahe befreiend. Da die Arbeiten umsonst weggegeben wurden, musste man sich andere Relationen, andere Bedeutungen des eigenen Besuchs dort suchen. 
 

Dialektische Relationen
 

Dieses Inszenieren von freien offenen Relationen findet man auf jeden Fall in der Medieninstallation Marxism Today von Phil Collins in der BFI Gallery im Londoner Stadtteil Southbank. Die große Galeriefläche wird durch eine riesige hängende Leinwand unterteilt, auf die ein Kurzfilm projiziert wird. Marxism Today (Prologue) zeigt Interviews mit Lehrern, die das Fach marxistisch-leninistische politische Ökonomie in der ehemaligen DDR gelehrt hatten und die beschreiben, wie sie sich nach 1989 auf die veränderten Verhältnisse einstellten.

Die Arbeit ist merkwürdig fesselnd. Das Material wird sehr roh präsentiert. Bar jeder Nostalgie, verlangt es nach einer diskursiven Form der Betrachtung, die sich wiederum irgendwie unmittelbar anfühlt.

In Teilen des Filmmaterials werden die Studenten ermutigt, ihre Lehrer und sich selbst untereinander zu befragen. Fern jeder Didaktik erweitert die Installation spielerisch das Videoelement in eine "Klassenzimmer-Dialektik". Das Publikum wird eingeladen, sich an die Schultische der Installation zu setzen, während es den Begleitfilm Use! Value! Exchange! anschaut. Die historisch-chronologischen Vorlesung des Dozenten setzt die "Lektionen" marxistischer Theorie in einen neuen Kontext – aber sind wir Teil der Diskussion oder ihr ausgesetzt?

Neue Perspektiven
 

Vielleicht ist es als Antwort auf die aktuell stattfindenden kulturellen, ökonomischen und sozialen Umbrüche in Großbritannien zu verstehen, dass diese Art von direkter und unverbrämter Beschäftigung mit "unmittelbarem" Material zunehmend spannungsgeladener wird.

In Exchange Central St Martins COllege of Art and Design 2011

Anthony Davies, mein Kollege am St. Martins College, hat zusammen mit Kunststudenten eine neue Ausstellung organisiert: eine Zusammenstellung von  Archivmaterial aus den frühern 70ern, die eine Periode der radikalen Pädagogik an den britischen Kunstschulen waren.

Auch Peter Kardia und Ken Adams waren damals unter den Dozenten in St. Martins und zogen sich – genau wie ihre Kollegen –  Kapuzen-Masken über, um Studenten in verschlossenen Seminarräumen zu "befragen". So wollten sie die "Feindseligkeit" der Außenwelt gegenüber abstrakter Kunst imitieren.

Die aktuelle Ausstellung wirft einen ähnlichen Blick auf die rauen Spuren des damaligen Materials – während Studenten und Dozenten die Radikalpädagogik vergangener Zeiten in ihren eigenen Kontext aufnehmen. Wieder einmal weist die Annäherung an das Material auf ein neues Modell der Vermittlung in der Kunstpraxis hin: den Blick durch das Objektiv der älteren Form von Erziehung, Kunst und öffentlichem Raum. 

Und das ist vielleicht das verbindende Element dieser Ausstellungen: die Neudefinition des Begriffs “Medienkunst” im Jahr 2011.
Hier finden wir eine erneuerte Beschäftigung mit dem Kunstwerk als eine verbindende Form, die wiederum eine erneuerte Beschäftigung mit uns selbst als Vermittler ausdrückt.

Diese Ausstellungen umgehen die traditionelle Kunstökonomie dadurch, dass sie versuchen, neue Communities zu schmieden, die eine harsche Herausforderung für die sozial und kulturell gefilterten Lebens- und Arbeitsbedingungen anbieten.
Ist dies der Moment der Veränderung? Wie handeln wir, nehmen wir teil? Ist dies eine Zeit der neuen Communities, bestehend aus gemeinsamen Machern, und welche Rolle spielen Kunst- und Medienpraktiken in diesem sich stetig verändernden Kontext heute?

 

Fotos: Duncan White
 

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Do, 17.03.2011 0

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17.12.2010

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