Duisburg am Rhein

Abbau und Aufbau im Revier

Stolz verkündete Hiobsbotschaften und Überraschungseier

Wir lesen und hören es immer wieder seit Jahrzehnten. Die Kommunen haben kein Geld, müssen sparen. Das langweilt selbst die lahmsten Zeitungsenten. Und im Ruhrgebiet gehört es nicht mal mehr zum Repertoire der Vögel, die den Pleitegeier-Song sonst von jedem Dach, von jedem Ahornbaum zwitschern. 

 

Dass da was falsch läuft im förderalen System Deutschland, weiß auch jeder Busfahrer. Dass andererseits immer wieder Geld in Bauvorhaben und Größenwahnsinnsprojekte versickert, wer hat davon noch nie gehört? Aufreger sind in der Folge dann die relativ kleinen Summen, an denen die Städte meinen sparen zu müssen, an den freiwilligen Ausgaben, an der Kultur.

 

Das Böse ist überall und die Götter haben sich davon gemacht

Athene ist die griechische Göttin der Kunst und Wissenschaft, aber auch der Städte. Es heißt, sie ginge niemals eine Liebesbeziehung ein, doch hauchte sie auf Bitten ihres Freundes, des Titanen Prometheus, den Menschen Wissen und Weisheit ein. Das hat schon den Griechen lange nicht mehr geholfen. Selbst Sisyphos würde die Ausgaben für Kultur in Athen nicht mehr finden. Dann haben wir noch die Musen. Sie sind in der griechischen Mythologie die Schutzgöttinnen der Künste. Eine davon ist Melpomene, die Singende, deren mutmaßliches Attribut, das Schwert oder die Keule, offenbar in falsche Hände geraten ist. Die Politiker der Kommunen zerschlagen so manch eine kulturelle Topfpflanze und manch ein gar zartes Pflänzchen kommt gar nicht erst zur Blüte. Und Minerva, die römische Fassung der Athene, hat Italia vor langer Zeit verlassen, auf der Suche nach neuem Asyl.

 

Abbau-Erfahrung

Früher wurde im Ruhrgebiet Kohle abgebaut, dann die Kultureinrichtungen. Man verzeihe diesen Kalauer. Es gilt nicht für alle Städte, aber für die meisten. Oberhausen klammert sich – wie lange noch? – an die Erfolge des Theaters. Die Freie Kunst und Kultur dort hat längst Leerstand angemeldet.

Duisburg ist eh nicht mehr zu retten. Da könnten auch Dutzende von Schimanskis nichts mehr ausrichten. Man droht nun dem Festival Akzente mit der Keule, nachdem der Freie Bereich längst abrasiert wurde. In Bochum könnte man ein Museum oder sagen wir das Museum schließen, es wäre eine Aktennotiz bei späteren Ausgrabungen, mehr nicht. In Gelsenkirchen bemüht man sich bis aufs Zahnfleisch, zu erhalten, was es gibt. In Essen spielen „Freie Radikale“ eh keine Rolle. In Dortmund setzt das Schauspiel das Konzept „Stadt ohne Geld“ in Aktionen und Aufführungen um. Beispiele nur, aber sie zeigen, dass die hehren Gedanken der Kulturhauptstadt 2010 die Realität nicht einholen.

Andererseits werden an jeder Straßenecke Konzerthäuser geplant und gebaut, als gäbe es nicht unzählige Gebäude, die den erhabenen Genuss von Musik ermöglichten. Aber ich bin kein Akustiker.

 

Dortmund gibt Gas und Duisburg lässt die Luft raus

Strukturwandel – das große Wort von Erneuerung – taumelt hin und her zwischen Wunsch und Denken, zwischen Erfolgen und Niederlagen, und das seit nunmehr Jahrzehnten. Was an einer Stelle aufgebaut wurde, wird an anderer abgebaut – alles aus der Sicht der gesamtmetropolen Idee. Da von vornherein nicht geordnet und als „joint adventure“ durchgeführt, wird alles Nachzuholende kompliziert bis unmöglich. „Die Städte schrumpfen“ – das ist allen klar und dann meldet Dortmund Zuwachs. In Bruckhausen will keiner mehr wohnen, an der Südkante des Reviers blüht die Lebensqualität, sagt man. Im Westen klammert sich Duisburg an den Rhein und im Osten stockt der Dortmunder Rat die Mittel für Freie Kultur auf. Ansonsten wird  überall repariert, Fassaden werden getüncht und drinnen greift der Schimmel raum.

 

Restmillion für die Freie Szene

Und da kommt die Meldung, dass es Restgelder aus dem Kulturhauptstadtetat gibt und der Liquidator Oliver Scheytt will das nicht alles der Stadt Essen übertragen, sondern der Freien Szene im Revier zugute kommen lassen. Eine gute Meldung, die für viele eine gute Nachricht wäre, würde sie denn so Realität. Vielleicht sollten sich die Städte – entgegen den Buchstaben der Verwaltung oder irgendwelcher Verabredungen – da vollkommen heraushalten. Die Stiftung, die aus der Ruhr2010 GmbH entsteht, entscheidet über das plötzlich aufscheinende Osterei. Aber zunächst wird es Gezeter geben und es folgen die Proteste aus allen Ecken!

 

Alles nicht so schlimm

Nee, das Leben geht weiter und größtenteils ist doch alles okay. Keine Erdbeben, kein Tsunami, wir haben Fußball und stolze Bürger, die gern lachen. So what? Genau, seien wir froh, dass der Deutsche das Wort Krise braucht wie die Kunst die Muse. Er muss schwarzsehen und meckern. Daran kann er sich aufbauen, wo andere abbauen. Das ist die Mentalität des „Wie geht’s?“ – „Muss“. „Einen trinken wir noch.“

 

Mi, 25.01.2012 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

03.03.2010

Letzte Kommentare des Autors

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

Branche

Aktuelle Tweets

[CNB] Impressionen des 'The New Job Circus 2012' in #Köln @bethausCNG http://t.co/g8DpKhGL #cnb12 #njc12 /RT @schwarzesgold
[DECISION] Is Kapoor's #Olympic Sculpture #Art at its best? wild, unexpected, not consensual - http://t.co/jHFCFy7W /RT @Bernd_Fesel
[URBAN] Werner Ruhnau aus @Essen erschafft morderne Nachkriegs- #architektur http://t.co/eAMaycWf #LABKULTUR
[DESIGN] #WDCD in #Amsterdam What Design Can Do conference. From #food to #technology. http://t.co/3hcmnBIo #LABKULTUR