
62. Berlinale: So war das Eröffnungswochenende
Mixed Festival-Emotions: Am Ende bleibt der Tingel-Tangel
- Serie: Berlinale
Das Auftaktwochenende der Berlinale ist vorbei. Der kalte Montag nach den Partys und Premieren. Die Freude, dass das Festival begonnen hat, sie ebbt langsam ab, geht über in den Alltag aus Filmegucken und Berichten. Die euphorischen Übersprungshandlungen der ersten Tage liegen hinter uns: Mit Wildfremden stundenlang über Filme quatschen, bei minus 12 Grad zwei Stunden auf einen indischen Schauspieler warten oder einen bizarren finnischen Nazi-Science-Fiction-Film als Geheimtipp zu verbreiten.

Von der Gegenwart im Gestern
Eröffnungsfilme werden ja vor allem wegen der Stars ausgewählt, die maximale Aufmerksamkeit erzeugen sollen. So auch "Les Adieux a la Reine" mit Diane Kruger, die Marie Antoinette in den Tagen nach dem Beginn der Revolution spielt. Revolution ist Dank der arabischen Welt ja in aller Munde. Auch da stürzen und sterben Tyrannen wie der König von Frankreich. Aber dieser Film über eine verwöhnte Frau und ihre Liebesintrigen an einem weltfremden Hof taugt nicht als Erklärung für die „Mutter aller Revolutionen“. Einzige Parallele: Ist der König/Diktator erstmal tot, geht die Revolution richtig los. Nur dass da der Film schon zu Ende ist.

Christian Petzold dagegen ist immer gut für Gewinnerfilme. Sein spannender, ästhetischer Film „Barbara“ mit der großartigen Nina Hoss in der Hauptrolle erzählt die Geschichte einer Ärztin Anfang der 80er in der DDR. Sie wurde strafversetzt, weil sie einen Ausreiseantrag stellte, wird nun von der Stasi gegängelt und will abhauen. Sie bleibt dann doch und rettet ein anderes Leben durch ihr Opfer. Alles stringent und nah an den Figuren erzählt. Vielleicht ein bisschen zu moralisch eindeutig, um ganz groß zu sein.
Deutscher Frühling?

In den Nebensektionen ist der Arabische Frühling spürbar – auch bei minus 12 Grad rund um den Potsdamer Platz. Viele arabische Filme scheinen noch mitten in den Wirren der Revolution begonnen worden zu sein, so als habe sich nicht nur politisch ein Druck entladen, sondern als sei auch künstlerisch endlich Raum für Ideen entstanden. Wie nicht anders zu erwarten: mit durchaus gemischten Ergebnissen. Hier geht es wohl vor allem ums Zeigen und Dürfen.
Fukushima ist ein zweiter erkennbarer Schwerpunkt bei Panorama und Forum, den Nebensektionen des Festivals: Gleich drei japanische Filme widmen sich der Katastrophe dokumentarisch und als Spielfilm. Die eigenartige Beharrlichkeit der Behörden und ihr „Alles ist gut“-Gequatsche angesichts des Geschehens, dazu der Stoizismums der Bürger ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch alle Filme.
Was bleibt nach dem Festival?

Kleine Programmkinos halten im Ruhrgebiet die Fahnen der Filmkunst hoch, die sich in den Nebensektionen der Berlinale in allen Schattierungen und nahezu 350 Filmen zeigt. Der Großteil dieser Streifen ist jedoch zu einem Leben als Festivalfilm verdammt. Er tingelt – wenn überhaupt – von Ort zu Ort, ohne je eine Verwertung im Kino zu bekommen.
Kein Wunder also, dass so viele Filmfans nur noch DVDs oder Online-Filme schauen. So kann man sich der Vielfalt, die ein Festival wie die Berlinale abblildet, auch annähern, wenn man nicht das Glück hat, in einer Stadt mit ambitionierten Programmkino zu wohnen. Digitalisierung und 3D hin oder her – am Ende kommt es auf die Inhalte an.
Titelbild: Filmstill "Flying Swords of Dragon Gate" von Hark Tsui (c) Berlinale Presse
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