62. Berlinale: So war das Eröffnungswochenende

Mixed Festival-Emotions: Am Ende bleibt der Tingel-Tangel

Das Auftaktwochenende der Berlinale ist vorbei. Der kalte Montag nach den Partys und Premieren. Die Freude, dass das Festival begonnen hat, sie ebbt langsam ab, geht über in den Alltag aus Filmegucken und Berichten. Die euphorischen Übersprungshandlungen der ersten Tage liegen hinter uns: Mit Wildfremden stundenlang über Filme quatschen, bei minus 12 Grad zwei Stunden auf einen indischen Schauspieler warten oder einen bizarren finnischen Nazi-Science-Fiction-Film als Geheimtipp zu verbreiten. 

 

Der Wettbewerb hat an diesem Montag schon die Hälfte seiner Filme gezeigt. Leider ist das diesjährige Programm in der Hauptsektion bist jetzt eher mau. Die Auftaktgala am Donnerstag mit einer lahmen Anke Engelke und einem zum Fremdschämen einladenden Festivalleiter Dieter Kosllick war in der Hinsicht ein passender Start.

 

Von der Gegenwart im Gestern

Eröffnungsfilme werden ja vor allem wegen der Stars ausgewählt, die maximale Aufmerksamkeit erzeugen sollen. So auch "Les Adieux a la Reine" mit Diane Kruger, die Marie Antoinette in den Tagen nach dem Beginn der Revolution spielt. Revolution ist Dank der arabischen Welt ja in aller Munde. Auch da stürzen und sterben Tyrannen wie der König von Frankreich. Aber dieser Film über eine verwöhnte Frau und ihre Liebesintrigen an einem weltfremden Hof taugt nicht als Erklärung für die „Mutter aller Revolutionen“. Einzige Parallele: Ist der König/Diktator erstmal tot, geht die Revolution richtig los. Nur dass da der Film schon zu Ende ist.

 

Auch "Extremly Loud and Incredibly Close" mit Tom Hanks handelt von einem Schock für die Weltgeschichte. Der 11. September 2001, ein Sohn verliert seinen Vater und hernach sich selbst im Dschungel von New York. Die Romanadaption hat alles, was großes Gefühlskino aus Hollywood erwarten lässt und ist allgemein besser als erwartet angekommen. Bei Tom Hanks und diesem Thema musste man eher mit Schmonzette rechnen, bekam aber einen verträumten, manchmal vielleicht allzu perfekt geplotteten, insgesamt aber gelungenen Film. Kein Gewinnerfilm. Sicher nicht. Hoffentlich nicht.

Christian Petzold dagegen ist immer gut für Gewinnerfilme. Sein spannender, ästhetischer Film „Barbara“ mit der großartigen Nina Hoss in der Hauptrolle erzählt die Geschichte einer Ärztin Anfang der 80er in der DDR. Sie wurde strafversetzt, weil sie einen Ausreiseantrag stellte, wird nun von der Stasi gegängelt und will abhauen. Sie bleibt dann doch und rettet ein anderes Leben durch ihr Opfer. Alles stringent und nah an den Figuren erzählt. Vielleicht ein bisschen zu moralisch eindeutig, um ganz groß zu sein.

 

Deutscher Frühling?

Es folgen noch hoffnungsvoll stimmende Filme von Billy Bob Thornton (dessen Ex Angelina Jolie ebenfalls einen Film auf dem Festival hat) mit einer 60er-Jahre-Patchworkfamilien-Geschichte, dann noch ein chinesisches Martial Arts Drama und ein eigenartig interessant klingender Film über einen Jungen, der die Ski von Touristen stiehlt sowie zwei deutschsprachige und persönliche Vor-Favoritenfilme für einen Preis von Hans-Christian Schmid und Matthias Glasner. 

In den Nebensektionen ist der Arabische Frühling spürbar – auch bei minus 12 Grad rund um den Potsdamer Platz. Viele arabische Filme scheinen noch mitten in den Wirren der Revolution begonnen worden zu sein, so als habe sich nicht nur politisch ein Druck entladen, sondern als sei auch künstlerisch endlich Raum für Ideen entstanden. Wie nicht anders zu erwarten: mit durchaus gemischten Ergebnissen. Hier geht es wohl vor allem ums Zeigen und Dürfen.

Fukushima ist ein zweiter erkennbarer Schwerpunkt bei Panorama und Forum, den Nebensektionen des Festivals: Gleich drei japanische Filme widmen sich der Katastrophe dokumentarisch und als Spielfilm. Die eigenartige Beharrlichkeit der Behörden und ihr „Alles ist gut“-Gequatsche angesichts des Geschehens, dazu der Stoizismums der Bürger ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch alle Filme. 

 

Was bleibt nach dem Festival?

Wie auf jedem Festival werden es die allermeisten tollen Filme, die nicht im Wettbewerb laufen, auch nicht ins Kino schaffen. Der Markt, so wild und groß er auch ist, er krankt an pathologischer Verwertungslogik. Lieber "Transformers 4" als auch nur einen kleinen Film ohne Superstars. Cashflow statt Kunstglow – fast immer.

Kleine Programmkinos halten im Ruhrgebiet die Fahnen der Filmkunst hoch, die sich in den Nebensektionen der Berlinale in allen Schattierungen und nahezu 350 Filmen zeigt. Der Großteil dieser Streifen ist jedoch zu einem Leben als Festivalfilm verdammt. Er tingelt – wenn überhaupt – von Ort zu Ort, ohne je eine Verwertung im Kino zu bekommen.

Kein Wunder also, dass so viele Filmfans nur noch DVDs oder Online-Filme schauen. So kann man sich der Vielfalt, die ein Festival wie die Berlinale abblildet, auch annähern, wenn man nicht das Glück hat, in einer Stadt mit ambitionierten Programmkino zu wohnen. Digitalisierung und 3D hin oder her – am Ende kommt es auf die Inhalte an.

 

Titelbild: Filmstill "Flying Swords of Dragon Gate" von Hark Tsui (c) Berlinale Presse

Mo, 13.02.2012 0

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25.03.2010

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