Warum Berliner sich nicht für die Kulturhauptstadt interessieren

Alle wollen nach Berlin. Ständig wird es bemüht als Vergleichsobjekt, als Vorbild, als Gegenpol. Was macht diese faszinierende Stadt aus? Was ist der Unterschied zwischen ihr und dem Ruhrgebiet, was kann man hier von Berlin lernen? Bei einem meiner letzten Aufenthalte in der Spreemetropole hatte ich die Gelegenheit, mit dem Radiomoderator, Macher des Blogs Berlinhell Fugzine und waschechten Berliner Marvin diesen Fragen nachzugehen. Ich traf ihn bei einer Erkundungstour in seinem Kiez Neukölln – mitten im Rückzugsgebiet der von den überlaufenen Trendbezirken Kreuzberg und Friedrichshain genervten Künstler und Freaks, sozusagen im Pionierland der nächsten Gentrifizierungswelle. Bei einem Bier in einer der ranzig-rohen Bars auf der Weserstraße erzählte er mir, wie der Berlin-Hype seiner Meinung nach entstanden ist, warum Kohle nicht alles ist und warum Berliner sich nicht für die Kulturhauptstadt interessieren. Hier ist ein Gespräch mit einem Berliner, Teil 1.

Berlin wird oft als Beispiel oder Vergleichsobjekt bemüht, weil es offenkundig in den letzten Jahren zu einem kulturellen Ballungsraum auf internationaler Ebene geworden ist. Was ist das Erfolgsrezept dieser Stadt?

Marvin: Wenn du den Gedanken beginnst mit: 'Wie wird Kultur gefördert?', dann fällt dir zuerst ein, dass Kultur mit Kohle gefördert werden muss. Ich habe in Wien gelebt und da ist es ganz klar, wenn ich ein Projekt gefördert haben will, dann geht’s automatisch um Kohle. Also reiche ich einen Antrag rein und überlege mir: brauche ich zehn- oder zwanzigtausend Euro? Was man hingegen hier beobachten kann, gerade auch in Neukölln als Paradebeispiel, ist folgendes: Kultur wird eben nicht durch Kohle gefördert, denn Kohle gibt es in Berlin nicht. Sie wird gefördert durch Duldung. Der Bezirk kann keine Förderung vergeben, aber er kann sich wohlwollend zeigen, wenn zum Beispiel jemand hier in der Weserstraße ein Lokal aufmacht. Natürlich steht da auch jeden Abend die Polizei vorm Haus, weil es laut ist und Nachbarn sich beschweren. Aber das Ordnungsamt sagt: 'Der ist neu im Bezirk, der versucht da was aufzubauen, wir geben ihm eine Chance.' Ich kenne das von einem Bekannten, der hier in der Weserstraße ein Lokal hat. Den gibt’s jetzt schon über ein Jahr und da steht ständig die Polizei vor der Tür. Der hat auch bis heute noch keine vom Gesundheitsamt abgenommene Schankanlage. Die haben den Laden aber immer noch nicht zugemacht. Die schicken natürlich immer wieder Leute hin und er ist im Dialog, der Dialog ist ganz wichtig, der redet mit unheimlich vielen Leuten von irgendwelchen Ämtern und so weiter. Aber ich glaube die wissen ganz genau, dass es auch in ihrem Sinne ist, wenn sich dieser Bezirk entwickelt, diese Straße, wenn hier Kreative hinkommen. Und deswegen wird geduldet, deswegen wird gesprochen, deswegen gibt’s Beratungsangebote und keine Anweisungen. Das weiss ich von den Leuten die ich kenne, die Gastronomie machen oder irgendwelche Offspace-Sachen.

Das ist genau das, was man im Ruhrgebiet momentan noch nicht kapiert hat. Da wird, wenn überhaupt, mit Geld gefördert, aber dann auch direkt vereinnahmt. Wenn was Offizielles in der Sache drinsteckt, mit Geld, dann wollen die auch mitreden und in dem Moment ist es nicht mehr authentisch. Man muss in erster Linie die Leute einfach mal machen lassen.

Marvin: Aber das bedarf ja auch einer gewissen Weitsicht und Erfahrung. Wenn ich überlege, vor schätzungsweise sieben bis neun Jahren fing das ja mit Mitte eigentlich an. Dieser ganze Berlin-Hype fing aus meiner Sicht dort an. Das war Osten, das heisst da war gar nichts, da gab's nur viel freie Fläche, lange gemieden von vielen.

Du meinst am Hackeschen Markt?

Marvin: Ja, genau diese Area, da hat es angefangen. Den Hackeschen Markt gab es so vor zehn Jahren noch nicht. Das begann damit, dass ein paar Vögel auf die Idee kamen: 'Geil, da gibt es Plätze, die kosten uns nix und da kommt man auch so schnell nicht drauf, dass wir da 'nen Rave veranstalten – also machen wir es da.' Es gibt da ganz viele Beispiele. Die hatten aber am Anfang immer das Problem, dass ihnen der Laden zugemacht wurde, zu laut, und dann sind die Parties nicht angemeldet und diese ganze Scheisse. Das war so an der Schwelle, bis die Politik verstanden hat: Wenn man jemandem einen Laden gibt, dann könnte es doch sein, dass daraus Nährboden entsteht für andere Institutionen und Ideen, vielleicht auch für Investoren. Und so ist meiner Meinung nach – ganz kurz gefasst – Mitte entstanden. Rund um diesen Hickhack, dass sie irgendwelche Läden rausgekickt haben, denen die Konzessionen nicht gegeben haben und so weiter. Bis halt irgendjemand mal auf die Idee gekommen ist und das auch offen ausgesprochen hat. Wowereit gehört für mich ganz klar dazu, weil er gesagt hat: 'Wir müssen die Leute machen lassen, denn sonst wird das hier nie was.' Es reicht nicht, dass der Bundestag in Berlin steht, das wird dieser Stadt niemals reichen.

Ach ja, Berlin ist „arm und sexy“

Marvin: Ja, das kam dann später, als Mitte eigentlich schon relativ gut entwickelt war. Als dann auch die Hackeschen Höfe entwickelt wurden und so weiter. Aber in Mitte hat das aus meinem Gefühl heraus angefangen. Als sich rumgesprochen hat: 'Das Ordnungsamt ist nicht mehr so streng, die lassen auch was durchgehen.' Und so ist das hier in Neukölln gerade auch und ich bin der festen Überzeugung, dass das hier eine bewusste politische Entscheidung ist. Dass Leute im Rathaus sitzen und sagen: 'Da haben jetzt zwei Läden aufgemacht, die lassen wir mal und gucken mal, was sich drumherum entwickelt.'

Und dieser Hochglanzfaktor, den du in Mitte hast, der kommt von Privatinvestoren, von großen Labels, die sich in einer zweiten Welle ansiedeln …

Marvin: Genau, auch das ist eine klassische Entwicklung. Ich bin kein Experte was das alles betrifft, aber aus meiner Wahrnehmung der Stadt läuft es so. Wenn da die Kreativen sind, dann kommt irgendwann auch mal eine Galerie aus NY und findet es cool, ihre Künstler im Exil auszustellen. Dann entsteht eine Kettenreaktion und so hat das ja in Mitte auch stattgefunden: erst hat eine Galerie aufgemacht, dann folgten weitere. Vorher gab es noch eine Phase, in der projektbezogene, temporäre Räume entstanden sind. Modelabels wie Comme des Garçons haben angefangen, mal drei Wochen in so Baracken, in einem völlig abgeranzten Laden in Mitte, einen temporären Store zu machen. Wenn so ein großes Label entscheidet, etwas in so einem Offspace zu machen, dann hat das Modellcharakter und dann denkt man sich als nächstes bei Hugo Boss, dass sie dabei nicht fehlen dürfen.

Das ist im Ruhrgebiet noch Zukunftsmusik. Ich habe einen Bekannten, der in der ganzen Welt mit großen Labels gearbeitet und Marketingkonzepte entwickelt hat. Der lebt jetzt in Bochum und meinte, das Ruhrgebiet sei momentan für solche Labels überhaupt nicht attraktiv. Da hat – so wie es jetzt ist – niemand Interesse dran.

Marvin: Liegt es vielleicht auch an der Dichte? Man sagt ja immer, der Ruhrpott sei ein zusammenhängendes Gebilde …

Man betrachtet das gern so, als ein Ballungsgebiet. Aber in Wirklichkeit hast du die einzelnen Städte, und in jeder Stadt eine eigene Szene, und jeder kocht sein eigenes Süppchen. Es fehlt die breite, übergreifende Vernetzung und ein gewisser Enthusiasmus, ein Hype. Immer wenn ich hier bin, habe ich das Gefühl, hier lassen sich die Leute schneller mobilisieren. Wenn hier in Kreuzberg was Neues kommt, dann pilgern alle dahin …

Marvin: Nee, das ist nicht so. Zumindest nicht in meinem Empfinden als geborener Berliner. Es ist auch eine Berliner Eigenart, zu sagen: 'Ich geh nicht raus aus meinem Bezirk.' Das wird jetzt noch mehr kultiviert. Den ganzen neuen Bezirken werden jetzt schon Eigenschaften zugeschoben. Wenn du 'nen Bart hast und 'ne dicke Brille auf, bist du der Prenzlberger und so weiter, was natürlich total bescheuert ist. Das wird jetzt aber noch mehr verstärkt. Du kannst ein ganzes Wochenende in Neukölln verbringen und krass viel erleben und musst nicht ein Mal die Grenzen des Kiez überschreiten. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass mich Friedrichshain nur noch nervt. Das ist dort am Wochenende wie auf Mallorca – Horden von besoffenen Spaniern ziehen durch die Gegend, die reisen da extra an. Das ist mittlerweile ein Partybezirk, wo die Leute extra hinfahren.

Den zweiten Teil unseres Gesprächs findet Ihr hier

Fotos:
Marvin/ Berlinhell Fugzine

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Do, 24.06.2010 10

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Kommentare

allein der versuch, berlin

allein der versuch, berlin und das ruhrgebiet von ihrer kulturellen attraktivität her über einen kamm zu scheren, zeugt von der konfusion, die ein offizielles kulturjahr ruhr2010 angerichtet hat. berlin ist eine internationale metropole, das ruhrgebiet eine dichte ansammlung von städten, die sich mangels eigenidentität den duktus des "ruhrgebietes
" nutzend künstlich zu etwas aufblähen das sie nicht sind. nur weil hier viele menschen leben ist man lange noch nicht new york.

berlin ist allenfalls international vergleichbar, so weit weg ist diese anonyme grossmetropole vom rest der bundesrepublikanischen städte.
kulturelle identität kauft man nicht mit geld, und man kauft sie nicht für ein jahr. im nächsten jahr werden wir wieder auf normalmaß zurück schrumpfen. ruhr2010 ist mit etwas glück ein startschuss, der unserer region zu etwas mehr bekanntheit verhelfen wird. die eigentliche, identitätsstiftende kultur entwickelt sich immer subkulturell, vielleicht kann das kulturjahr dazu beitragen das wir uns selbst etwas weniger provinziell wahrnehmen. aber bis dahin ist es noch ein langer weg. noch gilt hier in der region für mich als freischaffender künstler noch immer die frage, die ich in berlin noch niemals gehört habe: "und, watt machste beruflich?"

Also auch auf die Gefahr hin,

Also auch auf die Gefahr hin, dass ich als einer dieser Nörgler durchgehe und Sven, du weist ja vermutlich was jetzt kommt, aber dieses Gerede von Identität die "wir" hier haben sollen, versteh ich einfach überhaupt nicht. Das ist nichts anderes als Gleichmacherei. Ich finde Heterogenität eine ganz hevorragende Sache und die gilt es auch zu fördern. Menschen in Stahlhausen und Grumme werden niemals eine gemeinsame Ruhrgebietsidentität aufbauen, wozu auch und was bringt mir das? Das Problem ist wohl weniger, dass man hier eine Identität bräuchte, sondern vielmehr, dass man sie hat, oder zumindest einen sehr eng gefassten Begriff von Kultur, der sich eben wirklich zwischen Stadtfestbühne (siehe wohin sich Essen Original letztes Jahr bewegt hat) und den großen Nummern wie Ruhrfestspielen und Konzerthäusern abspielt. Das Problem ist ja eher, dass hier einige Bevölkerungskreise, die sich weder der Hochkultur noch dem Stadtfest zugehörig fühlen keinen Raum und kaum Förderung haben, weil sie nicht ernst genommen werden. Da stimme ich dir gerne zu. Das hat dann sicherlich was mit Verwaltung zu tun, aber sicher auch oft mit einem sehr engen Blickwinkel bei vielen alt eingesessenen, der einem oft als Ruhrgebietsidentität verkauft wird.
Hilft da eine "einfach mal machen lassen"-Mentalität. Keine Ahnung. Wenn jetzt jemand unter meiner Wohnung nen trendigen Elektrokeller aufmachen würde, fänd ich das auch nicht so prall, wenn die städtische Verwaltung die einfach mal machen lässt. ;-) Hier bedarf es denk ich doch mehr einer langfristigen Planung, dass es auch sinnvolle Räume gibt, in denen sowas auch entstehen kann. Und wenn sowas mal geschaffen wird, dann ist das so offiziös, dass da sofort qm-Preise genannt werden, die vieles im Keim ersticken.

ach herrlich,

endlich kann man das mal diskutieren. vielleicht liest ja auch wer vom ordnungsamt mit. :) dann würde ich ihm sagen, dass ich christian westheide zustimme, würde aber auch noch ergänzen, dass das von ihm geforderte leben auf den straßen hier (und zwar von duisburg bis dortmund) jederzeit im keim erstickt wird von den eifrigen aufpassern. toleranz und weitsicht sind gefragt, zulassen, entstehen lassen, in ruhe lassen. aber das habe ich ja schon zig mal gesagt und geschrieben und werde es auch noch zig mal sagen und schreiben. aber fernab von den ewigen ausgetretenen pfaden hatte ich gerade ein interessantes gespräch mit einem kulturschaffenden aus bochum, der einen ähnlichen punkt machte wie christian westheide, ebenfalls im obigen kommentar: wir müssen uns hier im ruhrgebiet erst mal klar werden, wer wir sind und wer wir sein wollen. die suche nach der eigenen identität, irgendwo zwischen cheesy kumpel-romantik und unreflektierter berlin-nachmache, ist glaube ich die wichtigste aufgabe, die wir hier gerade haben...

wow

da kommt was in fahrt.... finde ich gut, denn eine Debatte, was wir haben und was wir sein wollen hier die ist bitternötig, ohne dabei bauchnabelschau zu betreiben die ganze zeit. all dieses millionenschütten bei Ruhrtrienale oder auch Kulturhauptstadt unterhält ja viele Leute, ja beschäftigt sogar viele, aber was wird bleiben? meine prognose: viele erinnerungen aber kaum neues bewusstsein und höchstwahrscheinlich keine erweiterte, wachsamere, kooperativere kulturszene. kritische masse fehlt, sagt der autor (und der ÖPNV). richtiger punkt finde ich. aber selbst mit ein paar tausend Künstlern und Kulturmachern mehr braucht es irgendein zentrum, aber das ruhrgebiet ist städtebaulich, wie kulturell zersiedelt und wird gebremst von der (auch in Berlin, aber duch die gleichzeitige Enge unschädlichen) lokalpatriotistischen, um nicht zu sagen ignoranten, Haltung den direkten Nachbarn gegenüber. in berlin bin ich selten länger als 15 minuten (mit dem Fahrrad!) unterwegs gewesen, um 90% aller spannenden Orte und Ereignisse und kulturellen Perlen zu erreichen. und selbst wenn man eher am rand dort wohnt, ist das gefühl, in mitte auszugehen oder neukölln oder prenzlauer berg eben: das gehört zur stadt in der man wohnt. das seh ich im Ruhrgebiet nicht gelingen, auch nicht mit noch mehr Dortmunder Us, Zollverein Zechen oder finanzierten "Kreativquartieren". Ruth möchte ich zustimmen: das Problem hier sind auch die Leute, die Nörgler und Beharrer. und das was sie als Kultur denn wollen und kennen (Stichwort: Stadtheater Abopublikum, Eventscheiss, Marktplatzbühnenprogramm). das scheint hier alles so zu dominieren. Dass es das alles in Berlin auch gibt, und zwar satt, spielt keine Rolle, denn da gibt es das NEBEN der ebenso großen alternativen, schrägen, mutigen, ja trends setzenden (stimmt Ruth, auch schrottig, prätentiösen o.ä.) Kunst und Kultur. Diese dynamische, frische, abwechslungsreiche und vielseitige Kulturszene ist es (mit dem Schrott, weil den brauchts für Befruchtung und Debatte und eine versuchsfreundliche Atmosphäre), die wir hier meist vergeblich suchen oder nur auf Inseln finden, weit verstreut. und auch die kneipen, wo unter der woche nach 23 uhr noch leute sind, interessante kneipen und leute am besten, überhaupt leben auf den strassen (nein, nicht den fussgängerzonen!!) der stadt. was die mentalität (oberfläche gegen tiefbau) angeht, kann ich nach 15 Jahren Berlin und nun zurück in der Heimat nur sagen: ja und nein. Freunde und loyale berufliche Netzwerke im Kulturbereich findet man irgendwann. Da wie hier. hier sind das allerdings ein paar wenige, echt gute Freunde und dann schluss, sehr überschaubar und recht stabil. in Berlin einige richtig gute, stabile, plus einige entferntere Bekannte, plus viele zufällige Begegnungen und Alle-8-Wochen-Freunde, plus ständiger Zu- und Abfluss von Leuten von hier und da und aller welt - was eine gewisse Oberflächlichkeit erklären würde, zugleich aber auch die dynamik erklärt, die berlin ausmacht.

Berlinerin, die sich für die Kulturhauptstadt interessiert...

Sorry, Nina, aber so geht's ja nicht.

Berlin macht viele Worte und schwimmt an der Oberfläche, und der Ruhrpott hat Tiefgang ohne Ende....?! Oh man - lang leben die Klischees.

Die schärfsten Kritiker, das größte Desinteresse und die bissigsten Kommentare zur Kulturhausptstadt kommen immer noch von genau dort: Aus dem Ruhrgebiet. Loyalität, my ass.

Ich persönlich wandere so hin und her, habe schon den einen oder anderen sehr guten Beitrag der Kulturhauptstadt gesehen, und auch ein bißchen Schrott. Genau wie in Berlin übrigens.

Gestern hab ich mich über die Extraschicht (http://www.extraschicht.de/) gefreut. Heute freu ich mich auf 48h Neukölln (http://www.48-stunden-neukoelln.de/2010/).

Und sollte ich mich jemals ernsthaft entscheiden müssen, würde ich wohl die Stadt wählen, in der ich auch wochentags um 23.30 Uhr noch in einem netten Lokal draußen sitzen, etwas essen und mit meinen loyalen und ehrlichen Freunden ein Glas Wein trinken kann - und danach mit dem ÖPNV nach Hause.

Berlin, eat your heart out!

Heute ist mein letzter Arbeitstag in einer Berliner Agentur, danach beginnt mein letztes Wochenende an der Spree und am Montag geht es zurück an die Ruhr ... Berlin war schön. Die beste Entscheidung. Damals. Und heute ist es ebenfalls die beste Entscheidung zurück zu gehen. Ich gehe ohne Gram, ohne Scham, ohne Reue und mit Treue. Sicherlich komme ich mal wieder zu Besuch, aber mein Herz gehört dem Ruhrgebiet. Was ich zu den Unterschieden der beiden Städte sagen kann? In Berlin schwimmt man auf der Oberfläche, im Pott gräbt man Gruben. Die Berliner machen viele Worte, aber an der Ruhr hält man Wort. In Berlin rennt man der Zeit hinterher, im Pott geht man mit der Zeit.... Vielleicht ist es ein sehr persönlicher Vergleich, aber je älter, reifer und weiser ;) man wird, desto mehr wird einem bewusst, worauf es ankommt: Auf qualitative Beziehungen und nicht auf quantitative. Und die entstehen eben durch Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Loyalität, Eigenschaften, die ich in Berlin mit der Lupe suchen musste.

Mein Fazit: Berlin ist so groß, dass sich jeder eine kleine Welt erschaffen muss, und sich in dieser in den Mittelpunkt setzt und von dort aus, mit wenig Aufwand, versucht, Maximales an Lebensquantität zu erreichen.

Ich wünsche Berlin mehr Konzentration auf Werte wie Loyalität und Ehrlichkeit und weniger Egozentrik.

die frage

wird im zweiten teil des interviews beantwortet, der in kürze online geht. ( du nimmst aber die antwort eigentlich schon vorweg...)
ich glaube aber schon, dass wir uns hier von den berlinern einiges annehmen können. mittlerweile bin ich zu dem schluss gekommen, dass der wichtigste faktor fürs ruhrgebiet eine kritische masse an leuten ist, die weitere leute anzieht. die strukturen und das potential sind da, es fehlen schlicht ein paartausend mehr leute, die das ganze mit leben füllen. und natürlich, das muss man eigentlich immer wieder dazu sagen, muss der öffentliche nahverkehr viel, viel besser organisiert werden. der muss komplett von einer zentralen institution übernommen werden. wir brauchen eine RVG.

eigentlich

ist die frage des artikels nicht beantwortet: warum interessieren sich berliner nicht für die kulturhauptstadt. die antwort ist einfach: weil sich die allermeisten prenzlauer berger nicht sonderlich für kreuzberg und die nicht für mitte und die wieder nicht für friedrichshain und immer so weiter interessieren. und warum nicht? weil sie alles haben (oder glauben das zu haben) in ihren bezirken, von zahllosen kneipen und cafes clubs und kinos und galerien und lässige restaurants, weshalb die wie kleine, aber unglaublich dichte und vibrierende Städte funktionieren - etwas dass im ruhrgebiet gerade nicht ist. zu weitläufig bei gleichem desinteresse für die nachbarn. und so fehlt die dichte, atmoshpäre und energie, die so viele NACH berlin lockt von hier. und das "machen lassen" ist nicht nur politik, sondern auch grundhaltung der leute in einer so großen stadt, anonymität und bis an die arroganz gehendes destinteresse bei gleichzeitiger dynamik immer was neues zu machen, zu entdecken oder zumindest zu erzählen, dass man das tut. für die kunst ist das gut. für das ruhrgebiet sind andere dinge möglich, aber berlin ist das falsche vorbild.

@ Misses Jones

Ich habe nicht das Gefühl, dass das Ruhrgebiet mit Berlin verglichen wird, sondern dass das Ruhrgebiet (spät. seit RUHR.2010) versucht, sich mit Berlin zu vergleichen. Das ist ein himmelweiter Unterschied

Welche Dinge haben denn bitte beide Orte gemein? Das interessiert mich ernsthaft. Der ÖPNV kann es schonmal nicht sein...

Und die beiden Seelen ticken mitnichten gleich, zumal ich nochnichtmal eine allumfassende Ruhrgebiets-Seele ausmachen kann (und will). Das Gerede vom offenen, herzlichen Anpacker-/Sichniemalsunterkriegenlassen-Gemüt blabla ist doch auch nur künstlich konstruiert.

Es gibt im RG eine kleine Minderheit, die sich wünscht, dass hier mehr Berliner Flair a.ka. Rotzigkeit herrscht. Die bejubelt zwei, drei neue Läden im ViertelVor und feiert ausgelassen in Rohbauten.

Der große Rest aber ruft viel lieber das Ordnungsamt und zwingt einen Ort wie die Bastion in die Knie.

Schönes Interview!

Wann kommt der zweite Teil?

Hm... was ich mich ja immer wieder Frage:
Wieso werden wir eigentlich immer mit Berlin verglichen?

Weil vielleicht doch irgendwas dran ist, dass wir ein paar Dinge gemeinsam haben?

Weil vom Grunde her die Berliner und die Ruhrgebits-Seelen gleich ticken z.B.?

Sonnige Grüße... auch nach Berlin!
BERLIN I LOVE YOU!

:o) MissesJones

(Bochum)

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19.01.2010

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