„Man soll auch mal im Ruhrgebiet aufwachen“ - Niederlande als Gastgeber bei Ruhr.2010

Mit dem Schlafen, gewissermaßen als Premierengast zu Gast in der eigenen Stadt - das hat dann nicht geklappt: meine Reservierung war nicht durchgedrungen, die Verantwortlichkeiten vor Ort unklar, die Schlüssel für die Türen der Apartments entwickelten sich zu einer unentschlüsselbaren Matrix, hinter der irgendwo die Bettdecken verloren gegangen waren, heißes Wasser gab es auch noch nicht - aber egal: alle waren nett und bemüht, das ganze Projekt ist so toll und die Apartments sind so so schön, dass ich zum Schlafen ein anderes mal wiederkomme. Es war eben der erste Tag, sogar die Handwerker waren erst fünf Stunden weg.

Niederlande als Dienstleister für Kulturreisende

Gastgastgeber ist das Projekt des niederländischen Intendanten Hans Venhuizen, der sich dachte, die Kulturhauptstadt hat so viele Events, Kunst und ja auch Krempel Aktionen, da brauchen die uns doch nicht auch noch - aber: Dienstleistung gemischt mit Design und ein wenig Oranje Werbung, das könnten sie brauchen. Und so kann man nun in den Nächten zwischen den Tagen, an denen man die Kulturhauptstadt erkundet, in einem temporären Motel an der A40, in Design-Apartments im Arbeiterviertel, in einem Wasserturm und einer bewohnbaren Skulptur an der Emscher „konzeptschlafen“. Die Niederlande, unser kleiner naher Nachbar machts möglich.

Eröffnung der Dortmunder Schlafstätten

Am Samstag war die Eröffnung der Dortmunder Niederlassung des Gastgastgeber Projekts an der Möllerstraße in der östlichen Innenstadt. Das Haus fällt sofort auf, denn es ist das einzig bunte in einer Reihe grauer Fassaden entlang der viel befahrenen Nord Südachse. Bunt gemacht haben es die Holländer: inspiriert von einem Gerhard Richter Bild „4900 Colours“ nach dem Zufallsprinzip angeordneter Farbquadrate wurde die Fassade mit Restfarben holländischer Hersteller gestrichen; und zwar in der Reihenfolge, wie sie vom LKW kamen. Hinter der nun zauberwürfelbunten Fassade, zwischen den dort weiter wohnenden Dortmundern liegen sieben Apartments in drei verschiedenen Häusern mit zusammen 20 Betten. Sie können ab sofort gemietet werden, auch für längere Zeiträume. Jedes Apartment ist nach einer Epoche niederländischen Designs von den 50ern an bis in die Gegenwart eingerichtet. Die Möbel passen zu den Böden, die zu den Gardinen und die zu den Sesselbezügen; alles wirkt sehr minimalistisch, unverspielt und klar und doch warm.


Internet Revolutions „anne Hauswand“

An den Türen zu den Häusern befindet sich ein QR-Code (Quick Response Code), der mit einem Smartphone gescannt auf eine Internetseite lenkt, auf der man die Räume hinter der Fassade im 360 Grad Modus durchstreifen kann. Globalisierte Moderne an einem Ort in Dortmund, wo die meist arbeitslosen und älteren Leute von der Globalisierung eher was abbekommen haben, als davon zu profitieren oder gar teilzunehmen.
Aber wie es sich für eine Stadtkultur gehört, lebt sie von den Kontrasten: In den Hausfluren Zettel, wer was wann zu machen hat, ein Apell an den Zeitungsdieb, die Ruhrnachrichten bitte im Briefkasten zu lassen, ein bisschen Muffgeruch und ein bisschen Kaffekränzchen und Malocherromantik Mietskaserne. Nebenan sind jetzt Wohnungen von Kreativen und Künstlern mit staatlichen Geldern und Sponsoren eingerichtet für Leute, die sich Kultur leisten können und wollen. Im Hausflur werden die Welten sich hoffentlich begegnen.

Typisch Ruhrgebiet, weil es überall sein könnte

Die Anwohner der Möllerstraße werden jedenfalls gestaunt haben, als ihr Nachbarhaus auf einer Seite in „Oranje“, ihr eigens mit bunten Quadraten gestrichen wurde und anschließend Horden von jungen Leuten, Designern, Malern und Architekten ein und aus gingen, um das gesichtslose 30er Jahre Haus in eine Art „Völkerverständigungs-Pension“ oder interkulturelle Schlafstätte zu verwandeln.

Nicht alle waren begeistert. Aber auch das ein Teil des Konzepts von Venhuizen: Den Leuten „beim Leben“ begegnen. „Die Leute sollen auch mal im Ruhrgebiet aufwachen, nicht nur Zollverein und Dortmunder U sehen“, sagt er. Er hält die nun mit Gastgastgeber Unterkünften bestückten Orte für „typische Ruhrgebietsorte“ die aus seiner Sicht vor allem dadurch bestechen, dass sie überall sein könnten - „Jede Stadt im Ruhrgebiet hat eine Straße wie die Möllerstraße.“

Einige dieser Orte rücken nun in den Fokus und werden herausgebrochen aus dem grauen Einerlei in der Gegend und irgendwie Teil vom ganzen Kulturtrallala des Jahres 2010. Ob sie wollen oder nicht.
Doch auch wenn das Dortmunder U nur 500 Meter weit weg ist - von der Möllerstraße aus gesehen liegt die Kulturhauptstadt so weit weg wie Düsseldorf.

Nörgelnde Nachbarn suchen nach dem Sinn von‘s Ganze

Kulturhauptstadt bedeutet auch Kontraste zeigen: Zollverein und U-Turm auf der einen und die spröden Ruhrpott-Charme verstrahlenden Nicht-Orte wie Möllerstraße oder eine Auffahrt irgendwo an der A40 oder den Hauptbahnhof von Oberhausen.
Es bedeutet auch die Begegnung der internationalen Kultur und ihrer Besucher mit lokaler, nicht verhehlter Meinung: Während ich am Abend auf mein Apartment wartete (das dann nicht bezugsfertig war) bei einer von den niederländischen Gastgastgebern gespendeten Dose Bier im Garten der Möllerstraße, wurden nebenan von den „echten“ Bewohnern wieder die Wäscheleinen gespannt, die abmontiert worden waren um Platz für eine Installation und eine Band zu machen, die zur Eröffnung der Apartments gespielt hatte.

Während also eine blondierte Dame die Wäscheleinen spannte und eine andere den von den Besuchern plattgetretenen Rasen inspizierte, „...also wirklich!“, nörgelte eine Dritte im allerbesten Ruhrpott über diese „Holländerscheiße“ und dass sie in den letzten Tagen sicher „fuffzich ma die Treppe gewischt“ habe. Überall hätten die heute „die Schläuche von der Spielerei“ (Kabel) im Garten hingeschmissen.
Ja,da kommt was in Bewegung, dachte ich: Ruhrgebiet trifft internationale Kunst und Design und die entstehenden Energien sind für sich schon ein Ereignis.

Auf gute Nachbarschaft und deutsch-niederländische Freundschaft also in der Möllerstraße liebe Gastgastgeber! Ich komm bald und guck, ob ich diesen miesen Ruhrnachrichten Dieb stellen kann....

Die Wohnungen in der Möllerstraße 31 sind kostenlos zu besichtigen Freitags bis Sonntags von 14-17 Uhr. Falls man nächtigen möchte können die Apartments über die Website reserviert werden.

Alle Fotos C. Westheide

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Mo, 19.07.2010 1

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Kommentare

toller Beitrag!...aber die

toller Beitrag!...aber die Schläusche der Spielerei... ist schon eine Kultaussage, bin gespannt wie die Dortmunder auf dieses Angebot reagieren.Und es stimmt, in und um Dortmund gibt es nicht nur Zollverein und das Dortmunder U, wenn dies mal wenigstens fertig wäre;-) nun gut aber daran sieht man, dass Dortmund in Bewegung ist!
Freu mich auf die nächsten Beiträge.

Über den Autor

25.03.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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