Musikjournalist und Vielflieger Marcel Anders stellt sich seit 15 Jahren der Globalisierung

Er ist der Meistbeschäftigte seiner Zunft, sitzt ständig im Flieger oder mit prominenten Zeitgenossen in Luxushotels. Das Ruhrgebietskind Marcel Anders hat den Wandel der Popkultur von der Nische zum Mainstream hautnah miterlebt und –geprägt. Ein Portrait.

Musik im Westen

Der 40-Jährige ist ein Autodidakt, wie er im Buche steht: Mit 15 gründet er in Bergkamen sein eigenes Fanzine namens ‚Rocks Off‘, neben dem Gymnasium (Leistungskurse: Englisch und Deutsch) bringt er sich selbst bei, wie man „zur richtigen Zeit die richtigen Fragen stellt“. Während der ersten Interviews (Multicoloured Shades aus Marl, die Engländer Cassandra Complex und The Mission, die australischen Midnight Oil) merkt er schnell, wie Musikjournalismus funktioniert. Aus dem eigenen Interesse an Popkultur ergeben sich immer die richtigen Ansätze. Registriert der Gegenüber, dass sich der Fragende auf derselben Wellenlänge befindet, kommt der Rest von allein. Marcel Anders ist Fan, seine Vorlieben liegen sowohl im Indie-Bereich als auch im Classic Rock. Man füttert seine eigene Leidenschaft, sagt er achselzuckend. Jede Freistunde wird geopfert, die Schule leidet aber nicht. Nach dem Fanzine lernt er unter der Regie von Udo Tegeder bei ‚Musik im Westen‘, wie eine Redaktion arbeitet, es folgen Praktika, u.a. beim ‚Hellweger Anzeiger‘ – alles neben dem Magister-Studium in Essen. Anders macht seine Berufung zum Beruf, er merkt es selbst nicht einmal. Die ständige Neugier auf neue Musik, gerade aus dem Ende der Achtziger aufstrebenden Indierock-Bereich, treibt ihn an. Bei einem weiteren Gratis-Magazin namens ‚Stagetime‘ (aus Hamm) verfeinert er seine Fähigkeiten, 1992 folgt ein Engagement bei ‚Sublime‘, einem Magazin aus Gelsenkirchen. 1993 wird er Chefredakteur des Dortmunder Indie-Magazins ‚Visions‘, das er Pfingsten 1996 verlässt. Seine Kontakte sind mittlerweile international, der Schritt in die Selbstständigkeit ist ein logischer. „Was sonst kann nach dem Posten eines Chefredakteurs kommen?“ Es gibt zwar andere Angebote, aber nach drei Jahren mit 16-Stunden-Tagen will er sich „wenigstens auf eigene Kosten selbst ausbeuten“. Zum Radio, genauer gesagt 1LIVE, kommt er durch seine früheren Kontakte; die ersten Versuche sind katastrophal, ein WDR-Techniker trainiert ihn 1997 so lange, bis die Sprechstimme sitzt. Von da an reist ein dualer Anders von Mülheim aus („wegen der Nähe zum Düsseldorfer Flughafen“) durch die popkulturelle Medienwelt, bietet international sowohl Print- als auch Radiointerviews und –Beiträge an und füllt damit eine Marktlücke aus.

Miles & More

Mittlerweile ist Marcel Anders der meistbeschäftigte Vertreter unter Deutschlands freien Musikjournalisten. Seit fast 15 Jahren sind zwei oder drei Interviews in der Woche die Regel, nicht die Ausnahme. Vom Männermagazin ‚Playboy‘ bis zum Metalmagazin ‚Metal Hammer‘, vom englischen ‚Classic Rock‘ bis zu deutschen Frauen- und Jugendzeitschriften sowie Plattenfirmen reichen seine Abnehmer; im WDR-Jugendsender 1LIVE kennt man ihn in der Sendung ‚Gold‘ seit über zwei Jahren als den ‚Promichecker‘. Auch das eine Rubrik, entstanden aus dem alltäglichen Wahnsinn: Je größer die Stars, desto feiner die Hotels. Speziell in den USA kennt sich der Vielflieger aus wie in seiner Westentasche, weiß inzwischen, wo man die Schönen und Reichen treffen kann. Seine Reportagen aus Hotellobbys – und Suiten oder Promi-Restaurants in Los Angeles haben Kultcharakter erreicht. Aber das Leben zwischen Jetlags hat nicht nur Vorteile: Das Privatleben bleibt auf der Strecke, richtigen Urlaub gönnt er sich nur um den Jahreswechsel. Die Ich-AG Anders muss ständig auf Ballhöhe, immer informiert sein. Seine internationalen Kontakte haben ihm schon in den Neunzigern geholfen, die Globalisierung hat er früh kommen sehen und sich darauf eingestellt: Das Laptop ist sein ständiger Begleiter, seit über zehn Jahren. Eine eigene Homepage sieht er nicht, Selbstdarstellung liegt ihm nicht. „Wichtig ist, was man liefert, nicht wie man sich präsentiert.“ Ein Buch über seine Zeit mit den Stars (Arbeitstitel: Road Dog) möchte er erst kurz vor der Rente schreiben. Er hat sie alle gehabt, sagt er. Am schönsten sind Erinnerungen an Interviews mit Keith Richards von den Rolling Stones 1998 im New Yorker Plaza („Er wusste nach einer halben Stunde Wodka-O noch meinen Namen!“), Eddie Vedder von Pearl Jam in Seattle („Wann hat man schon zwei Stunden Privataudienz?“) und mehrmals die kauzigen Altrocker James Brown oder Neil Young. Am schwierigsten seien die Popstars vom Schlage Britney Spears, Justin Timberlake oder Christina Aguilera, weil das Umfeld zu sehr kontrolliere und sogar mit im Zimmer sitze. In seiner Sammlung fehlt ihm nur noch Pete Townsend von den Who. Und sollten irgendwann alle Stricke reißen, seine Dienste in der Nische Musikjournalismus nicht mehr gefragt sein, dann wird er sich einen Traum erfüllen: „Dann suche ich mir einen Sponsor für eine eigene Currywurstbude in Los Angeles.“

Fotos: privat

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Mo, 17.05.2010 1

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Kommentare

Klasse Typ - der Marcel ist eben Anders! ;-)

... und mit diesem Satz kann ich mich voll und ganz identifizieren: Es gibt zwar andere Angebote, aber nach drei Jahren mit 16-Stunden-Tagen will er sich „wenigstens auf eigene Kosten selbst ausbeuten“.

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17.02.2010

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