„Essen sein Schatz“ - WDR-Dokumentation über den Essener Dom
- Serie: Bildung
Und wir singen: „Mer lasse den Dom in K…, nein: Essen!“ Essen? Seit wann haben die…? So dürfte es vielen gehen, die erfahren, dass der Essener Dom zu den ältesten Kirchen in Deutschland zählt und einen der wertvollsten Domschätze Europas sowie die älteste Madonnenskulptur der Welt beherbergt. Darüber hinaus war die Kirche jahrhundertelang das politische und geistige Machtzentrum zwischen Ruhr und Emscher und Nukleus der Stadt Essen selbst. Und das Verblüffendste: all die Macht, die politischen Intrigen, der über 1000 Jahre angehäufte Reichtum, die Kämpfe mit Köln um die Vorherrschaft in der Region und später gegen die Reformation in der eigenen Stadt wurden allein von Frauen betrieben - von den klugen, macht- und selbstbewussten Frauen des Essener Stifts.
Premiere in der Lichtburg
In der „Lichtburg“ in Essen, direkt neben dem Dom, fanden sich zur Premiere des Films "Der Essener Dom" über eintausend Neugierige ein, darunter drei Weihbischöfe, diverse Priester, Nonnen und der weltliche Rest aus Ü-50 Kulturinteressierten, Schulklassen und Filmfreunden.
Der Film von Martin Papirowski (Regie) und Heike Nelsen-Minkenberg (Drehbuch) ist terminlich eine Punktlandung im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt Essen. Außerdem ist er der Schlussstein ihrer eigenen, wenn auch nur „filmischen Kathedrale“, mit deren Bau sie 1998 in einer Dokumentation über den rheinischen Rivalen, den Kölner Dom, begonnen hatten. Nach einer Reihe anderer Gotteshäuser der Region endet die Reise nun gestern in Essen. Entsprechend ausgelassen erzählt Martin Papirowski nach der Premiere auch von „dem sich versteckenden Dom in Essen“, erörtert die eigentümliche Frage, wie man als gläubiger Katholik Beleuchtung im Altarraum aufbaut, ohne sich immer wieder verbeugen zu müssen und hat offensichtlich Freude daran, von den Gläubigen als Kunden zu sprechen, die sich bei den Damen des Essener Stifts Gebete als Dienstleistung kauften - weil Gebete von Jungfrauen als besonders hilfreich betrachtet wurden.
Die Dan Brown Geheimnisjagd
In 45 Minuten mussten in dieser WDR Produktion nicht nur 1100 Jahre Geschichte abgedeckt, sondern auch Bilder gefunden werden für Geschehnisse, von denen meist nicht mehr als ein brüchiges, manchmal gefälschtes Dokument oder auch nur ein Fetzen Stoff übrig geblieben ist. Die Geschichten wurden dem mehrfach abgebrannten und zigmal umgebauten Dom geradezu abgerungen, um, wie es die Autorin formulierte, „den Taxifahrer und den interessierten Kunstkenner gleichermaßen“ zu informieren, was für ein Schmuckstück sich in Essen zwischen Bankentürmen und gesichtslosen Kaufhäusern verbirgt.
„Der Film soll keine Domführung ersetzen, sondern Lust machen, sich den Bau vor Ort anzusehen“, sagte Martin Papiroski. Das ist gelungen. Der Film vermeidet sogar weitgehend die „katholische Gewölbe im Nebel-Mystik“ anderer Kirchen- und Glaubensdokumentationen. Sicher: die Nonnen in den Spielszenen sind alle sehr hübsch, der Wissenschaftler hat seine Laptops in einem Kellerraum bei Kerzenschein aufgebaut, ständig ertönt Choralmusik und es werden an Skulpturen nicht einfach Hohlräume, sondern „mystische Klappen mit geheimnisvollem Inhalt“ entdeckt - aber vielleicht braucht man in einer religions- und kirchenfernen Zeit wie der heutigen diese gewisse Brise an Dan Brown Geheimnisjagd, um den Stoff fernsehtauglich und ansprechend zu erzählen. Wenn dann wirklich der ein oder andere seinen Weg in den Dom findet, hat es ich jedenfalls gelohnt.
Wie filmt man 1000 Jahre?
Die Unmöglichkeit alle Jahrhunderte abzudecken sowie die Notwendigkeit eine Vorlesung über Baustile sowie theologisch und historisch hochkomplexe Hintergründe zu vermeiden, haben Autorin und Regisseur gelöst, indem sie sich auf die Besonderheiten konzentrieren: die Frauenpower, also die einzigartige Stellung der aus dem Hochadel Europas stammenden Äbtissinnen, die über Jahrhunderte mit einem offenbar angeborenen Selbstbewusstsein ihren Einfluss und Reichtum beständig ausbauten und im Machtstreben den Männern jener Zeit in keiner Weise nachstanden. Der Film erzählt daher eher am Rande die Geschichte des Baus und der Stadt Essen und vielmehr die der mit dem Bau verbundenen Menschen.
Wenn man dann nach dem Film in die hässlich gebombte und wieder aufgebaute Innenstadt Essens tritt, von der Frank Goosen mal sagte, „Wenn das Essen ist, möcht‘ ich Kotzen nicht sehen“, versteht man jedenfalls den Satz: Geschichte wird von Menschen gemacht. In diesem Fall von Frauen. Der Essener Dom ist das steingewordene Zeugnis ihrer Leben und „eine Insel im Strom der Zeit“ - wie es der Regisseur so schön formulierte.
Sendetermin „Der Essener Dom“ von Martin Papirowski ist Karfreitag, der 2. April 2010, 20.15 Uhr im WDR. Nach der Ausstrahlung kann man sich auf www.planet-schule.de das Making Off anschauen.
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Is ja 'n Ding
Wusste ich gar nicht, dass Essen auch einen ansehnlichen Dom sein Eigen nennt. Müsste man sich echt mal anschauen.