
„Die Kartoffel - zwischen Tradition und Moderne“ – Ein toleranter Abend mit Kerim Pamuk
- Serie: Kunst
Literatürk heißt das türkisch-deutsche Literaturfestival, das zum nunmehr 5. Mal in Essen stattfindet und sich der ehrenvollen Aufgabe angenommen hat, das Interesse an türkischer und deutsch-türkischer Literatur in Deutschland wach zu halten. Veranstaltungen dieser Art dienen ihren wenigen Besuchern normalerweise natürlich in erster Linie dazu, die eigene Toleranz zur Schau zu stellen und mit dem Ton ernsthafter Entrüstung irgendwelche Mahnwörter wie Dialog, Begegnung und Verständnis zu raunen. Wer seinen Feierabend lieber auf der Couch und mit dumme-Leute-Fernsehen vertut, darf sich entsprechend als Vollfascho gebrandmarkt fühlen, weshalb auch ich beschloss, mich zumindest für einen Abend aufzuraffen und mir meinen Platz unter den moralisch Überlegenden zu sichern. Laut Ankündigung erwartete mich ein Abend mit Kerim Pamuk, der aus seinem neusten Buch Allah verzeiht, der Hausmeister nicht lesen und „mit viel Wortwitz die Eigenarten der Deutschen aufs Korn nehmen“ wollte. Ich stellte mich also auf einen müden Klamauk von erschreckender Mario-Barthigkeit ein, bei dem ich allerdings nicht mit 80.000 Normalos im Olympia Stadion den Unterschieden zwischen Männlein und Weiblein lausche, sondern eher mit 20 Öko-Muttis den gesammelten Vorurteilen gegenüber meinen Landsleuten. Eindrucksvoller ließe sich der Gipfel der Toleranz wohl kaum erklimmen, dachte ich mir, als sich auf der Lesung eines deutsch-türkischen Autors nach Strich und Faden verarschen zu lassen und sich dabei noch als aufs Köstlichste amüsiert zu präsentieren. Natürlich ist jedem der Anwesenden als radikalem Toleranzsoldat klar, dass nicht man selbst, sondern die ganzen anderen Deutschen gemeint sind; jene intoleranten Arschgeigen also, die man ohnehin nicht toleriert.
Tatsächlich erwies sich Pamuks Lesung in weiten Teilen allerdings als richtig gehend liebevolle Gemütsbeschreibung „des Deutschen an sich“. Ergo: Er widmet sich der schwierigen Frage: „Wie tickt eigentlich die Kartoffel?“
Aufbereitet als Reiseführer für Orientalen beschreibt er episodenhaft die Gründlichkeit, Unsicherheit, Gewissenhaftigkeit, Verkopft- und Verkrampftheit und Widersprüchlichkeit, die das deutsche Wesen angeblich auszumachen scheint. Seine Satire ist selten bösartig, eher nett und harmlos und unterschiedlich originell. Mein persönliches Highlight war Pamuks Beobachtung einer gerade in Akademikerkreisen populären Verschleierungstaktik, bei der die eigene Planlosigkeit fremden Kulturen gegenüber, durch die Simulation eines tiefen Verständnisses für ihre Komplexität überspielt wird. Man hängt einfach jedem Schlagwort wie Türkei, Orient oder Bauchtanz den schönen Zusatz „Zwischen Tradition und Moderne“ an und schwupps! wäre die eigene Sensibilität für kulturelle Befindlichkeiten eindrucksvoll belegt. Da ich genau diese Praxis jüngst auf der Frankfurter Buchmesse gegenüber unserem „Ehrengast“ China erleben durfte, fand ich Pamuks Ausführungen dazu genauso klug wie komisch.
An anderen Stellen ärgerte ich mich, dass Pamuk seinen „Prototypen des Deutschen“ offensichtlich mittendrin ändert, auch um Pointen und Absurditäten zu generieren. Zumeist ist seine Din-Kartoffel offensichtlich ein bildungsbürgerlicher Mitte / Links – Spießer, an manchen Stellen aber auch ein Jogginghosen tragender Bildzeitungs-Proll. Dass diese beiden nun unterschiedlich Handeln und Ticken, liegt natürlich nicht an ihrer Widersprüchlichkeit, sondern an ihrer Unterschiedlichkeit. Vielleicht will Pamuk aber auch nur die gleiche Indifferenz im Urteil gegenüber den Deutschen simulieren, die diese gegenüber der orientalischen Kultur an den Tag legen. Ein Teil seiner Lesung referiert eindrucksvoll die schamlose Verallgemeinerung und Generalisierung, auch und gerade der deutschen Medien, im Umgang mit der „islamischen Welt“. Dabei wird sein Ton erstaunlich ernst und kämpferisch. Pamuk weiß sehr wohl zwischen amüsanten, harmlosen, liebevollen, berechtigten und gefährlichen Vorurteilen zu unterscheiden. Nur weil er bei der Persiflage von dialektischen Sprachvarietäten im Deutschen manchmal ins Blödeln gerät, heißt das nicht, dass er bei der selbstverständlichen Verschmelzung von Islam und Fundamentalismus nicht auch richtig sauer werden kann.
Pamuk ist vielleicht kein brillanter Humorist und sicherlich kein brillanter Literat, aber er ist auf alle Fälle ein sehr taktvoller und engagierter Beobachter kultureller Eigenarten, dem man seine Zuneigung sowohl für seine deutschen wie für seine orientalischen Pappenheimer trotz seines schroffen Auftretens deutlich anmerkt. Damit ist er wohl auch ein wirklicher Streiter für Dialog und gegenseitiges Verständnis, gänzlich ohne angestrengtes Toleranzgesülze und Selbstbeweihräucherung.
Meine eigenen Vorurteile bezüglich der Literatürk hat er damit zumindest überzeugend widerlegt.
Di, 15.12.2009
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