
„Der Bau ist eine enorm gute Sprachschule“ – Jörg Juretzka im Interview (Teil 1)
Krimi-Autor Jörg Juretzka transportiert die Pulp-Welt von Philip Marlowe aus Los Angeles ins Ruhrgebiet. Im Interview erklärt er wieso er nirgendwo anders leben will, und warum Schimanski ein ganz anderes Paar Schuhe ist.
Vor seiner Lesung, im Rahmen des dienstäglichen „Ekamina Abends“ in der Dortmunder Kneipe Sissikingkong, nahm sich Jörg Juretzka Zeit für ein aufschlussreiches Gespräch über seine Arbeit, seine Bücher und den Ort, an dem sie spielen.
Herr Juretzka, sie sind in Mühlheim an der Ruhr geboren. War demnach von Anfang an klar, dass ihre Kryszinksi-Reihe ebenfalls in ihrem Heimatort spielen wird?
Ich wollte auf jeden Fall, dass meine Romane im Ruhrgebiet spielen, ja. Weil ich mich auch als Ruhrgebietsperson empfinde, weil ich die Gegend enorm schätze, und den speziellen Charakter der Menschen hier auch. Mühlheim ist Heimat für mich. War es immer, und wird es hoffentlich auch immer bleiben. Trotz der grauenhaften Verkehrssituation.
Die sie ja auch schon mehrfach verarbeitet haben.
Ich lasse keine Gelegenheit aus da Seitenhiebe drauf loszulassen, es ist furchtbar…
Überlegen sie sich vorher genau, wie sie die Stadt und die Region in ihren Büchern erscheinen lassen?
Nein, das ist einfach nur die Kulisse für die Geschichten die ich erzählen will, und die bette ich möglichst authentisch ein. Aber ich schreibe keine Regio-Krimis, und mache mir deshalb auch keine Gedanken über das Setting.
Sie haben einige Zeit in Kanada gelebt, dort als Blockhausbauer gearbeitet. Hat sich da die Sicht auf die Heimat verändert?
Ja. Ich habe gemerkt wie sehr mir die Mentalität der Leute hier fehlt. Anderswo mag man lockerer sein, besonders in Kanada ist diese lockere Lebensweise weit verbreitet. Aber es gibt irgendetwas Spezielles hier, das es nirgendwo anders gibt, was sich aber sehr schwer definieren lässt. Ein gewisser Fatalismus gepaart mit trockenem Humor. Und ich glaube auch der relativ naive Glaube, es nach wie vor mit harter Arbeit zu etwas bringen zu können, das schätze ich enorm.
Mit handwerklicher Arbeit sind sie verbunden, arbeiten nach wie vor neben der Schriftstellerei auf dem Bau. Ist das ein Gegenpart oder sehen sie da Gemeinsamkeiten?
Nein, definitiv Ersteres. Es ist jedes Mal eine Erholungsphase für den Kopf und eine Rekreationsphase für den Körper. Man sitzt ja doch sehr viel auf dem Hintern wenn man schreibt, was mir im Grunde genommen eigentlich gar nicht so liegt. So bin ich eigentlich immer auch ganz froh, wenn ich auf den Bau zurück kann.
Ziehen sie aus dieser Arbeit auch Ideen für ihre Romane, beispielsweise durch Menschen, mit denen man es dabei zu tun hat?
Der Bau ist eine enorm gute Sprachschule. Man kommt in den Dialog mit vollkommen verblasenen Förderpreisträgern von Architekten, genauso gut aber auch mit den Illegalen, die unten im Keller hausen. Das sprachliche Ohr wird hier sehr gut geschult.
Sie haben auch fürs Fernsehen gearbeitet, haben für die Serie Was nicht passt, wird passend gemacht geschrieben, wofür sie natürlich prädestiniert sind. Wie waren hier ihre Erfahrungen?
Fernsehen ist nicht meine Welt! Das ist der Schluss, den ich daraus gezogen habe.
Woran liegt das?
Keine Ahnung, ich passe einfach nicht hinein. Ich habe es zwei Jahre versucht, auch nach Was nicht passt, wird passend gemacht, aber der Job bedeutet ein ewiges Klinkenputzen, und das liegt mir ums verrecken nicht. Und alle Welt will da rein, die Konkurrenz ist unfassbar. Und viele sind doch wesentlich anpassungsfähiger als ich. Die passen besser in dieses seltsame Umfeld.
Lesen sie im zweiten Teil des Gesprächs, in dem Juretzka u.a. über Schimanski, Menschenhandel und Humor spricht.
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